Chancen und Fallstricke. Aus: Institut für kulturelle Innovationsforschung (Hrsg.):
Innovation aus Tradition, Mainz 2010.
Wissenschaftstransfer im Bildungsbereich - Chancen und Fallstricke
Erfolgreicher und nachhaltiger Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die
Bildungspraxis hat in unserer komplexen Welt eine überragende Bedeutung bekommen.
Allerdings werden die Unterschiede zwischen der Handlungslogik der beteiligten
Bildungsinstitutionen und der Logik von Forschungsprozessen erheblich unterschätzt.
Die Suche nach neuen Erkenntnissen und das Bestreben der Akteure, neues Wissen auch
möglichst ertragreich einzusetzen, erfordert daher auf beiden Seiten einen
Perspektivenwechsel, der - bei positivem Verlauf - durchaus gewinnbringend für beide
Seiten sein kann.
Transfer von Forschungswissen kann also nicht unidirektional im Sinne einer
Eins-zu-Eins-Übertragung erfolgen, sondern nur dialogisch. Wissenschaftstransfer
benötigt schon aus diesem Grunde innovationsfreundliche Kulturen und Umgebungen, die
in der Lage sind, die Eigendynamik von Systemen und gewachsenen Strukturen angemessen
zu berücksichtigen. Nur wenn es gelingt, einen überzeugenden Weg zwischen Tradition
und Fortschritt einzuschlagen, lassen sich etliche Fallstricke umgehen und die
Chancen für Innovationen nutzen.
Strukturen und Rahmenbedingungen für erfolgreichen Wissenschaftstransfer
Wissenschaftstransfer mit dieser Ausrichtung erfordert zunächst ein tragfähiges
Fundament wissenschaftlicher Forschung. Die Diskussion der Integration von Theorie und
Praxis verläuft auf verschiedenen Ebenen: von berufsspezifischen Erwartungen über
Verständigungsprobleme und Methodenfragen bis hin zu wissenschaftstheoretischen
Grundsatzfragen. Allzu häufig versperren Vorurteile und rezeptologische Erwartungen
den Blick auf differenzierte Sachverhalte sowie auf Gemeinsamkeiten grundsätzlicher
Art, die Praktiker und Theoretiker gleichermaßen betreffen.
Beide benutzen Theorien, um Beobachtungen zusammenzufassen, Schlussfolgerungen zu
ziehen und Vermutungen für künftiges Geschehen anzustellen. Vollziehen sich solche
Vorgänge im Alltag oft unsystematisch, muss wissenschaftliches Vorgehen Kriterien
erfüllen, die neben semantischer Präzision und logischer Konsistenz vor allem auf
systematische Überprüfung empirischer Ergebnisse, deren Interpretation, Geltungsbereich
und Grenzen zielen.
Insofern ist nichts praktischer als eine gute Theorie, weil nur mit ihrer Hilfe die
Komplexität der Umwelt und des pädagogischen Feldes überschaubar gemacht und
bewältigt werden kann. Dennoch ergeben sich methodologische Schwierigkeiten, mit denen
psychologische und erziehungswissenschaftliche Untersuchungen generell konfrontiert
sind.
Wissenschaftstransfer braucht dialogische Strukturen
Pädagogische und psychologische Disziplinen sind mit dem Problem konfrontiert,
einerseits wissenschaftlichen Gütekriterien zu genügen, andererseits aber den
Untersuchungsbereich nicht auf methodisch leicht erfassbare Phänomene zu reduzieren.
Die Verfeinerung experimenteller Designs ist ein Beispiel dafür, wie eine am
Exaktheitsideal der Naturwissenschaften orientierte Perspektive den konkreten Menschen
in der Lebenswirklichkeit verfehlen kann.
Gerade in der Lerntheorie liegen exakte Befunde vor, doch ihre Übertragung in die
Schulpraxis bleibt problematisch: Interne Validität unter Laborbedingungen sagt wenig
über externe Validität in realen Kontexten aus. Faktoren, die experimentell als
Störgrößen gelten, sind in der pädagogischen Praxis oft diagnostisch entscheidend.
Der Forschungsprozess braucht daher Offenheit und Flexibilität, um auf bestehende und
sich entwickelnde Strukturen reagieren zu können. Das Grundprinzip der
Handlungsforschung - die Einbeziehung der Betroffenen in Planung, Durchführung und
Auswertung - bietet trotz methodischer Herausforderungen weitreichende Möglichkeiten.
Handlungsforschung ersetzt klassische Methodik nicht, sondern ergänzt sie in einem
komplementären Verhältnis.
Wissenschaftstransfer braucht Berater- und Netzwerkkompetenzen
Transfer gelingt nur in funktionierenden Dialog- und Netzwerkstrukturen. Dafür sind
Frustrations- und Ambiguitätstoleranz sowie eine konstruktive Streit- und
Konfliktkultur nötig. Bei der Vermittlung entsprechender Kompetenzen geht es um die
professionelle Ausbildung von Multiplikatoren mit Fähigkeiten in Gruppenmoderation,
Einzelcoaching, Steuerung von Selbstlernprozessen und Koordination von
Fördermaßnahmen.
Oft ist psychologisches Wissen vorhanden, die Umsetzung aber defizitär. Theoretische
Einsicht allein qualifiziert noch nicht zum Handeln. Praxis bedarf theoretischer
Orientierung, Theorie ihrer Erprobung an der Praxis - Aktion und Reflexion sind
aufeinander verwiesen.
Besonders Kommunikations- und Handlungstrainings fördern den Erwerb von
Handlungskompetenzen: Sensibilisierung, Einstellungsänderung und konkrete
Handlungseinübung. So werden kreative Freiräume eröffnet, um Gesprächsführung,
Informationsvermittlung, Diskussionstechnik und Problemlösungsprozesse in Gruppen zu
trainieren.
Der Transferweg über Beraterqualifizierung schafft die Grundlage für Multiplikatoren
mit spezifischen Strategien, Methoden und Kompetenzen. Im Zuge der Globalisierung
gewinnt zudem die Entwicklung interkultureller Handlungskompetenzen an Bedeutung.
Innovationen - Chancen und Fallstricke
Dass der Bildungssektor in Teilen überreguliert und unterfinanziert ist, wird häufig
betont. Der innovationspolitische Reformdruck hat zugleich Entwicklungen erzeugt, die
insbesondere im Hochschulbereich problematisch wurden. Unter dem Druck der schnellen
Einführung der Bachelor-Master-Struktur entstanden vielerorts Eigendynamiken, die
bewährte Studienstrukturen ignorierten. Erst massive Proteste führten zu
Nachbesserungen und zur stärkeren Betonung der Studierbarkeit.
Der Bologna-Prozess zeigt exemplarisch, wie Innovationssysteme in die Zwickmühle von
Reformeuphorie und Änderungslethargie geraten können: schnelle Adaption neuer
Konzepte, inflationäre Nutzung von Leitbegriffen und schließlich Ernüchterung über
begrenzte Tragfähigkeit. Zugleich verdeutlicht er, wie stark administrative Vorgaben
und gewachsene Strukturen in sensiblen Bildungsbereichen in Balance gebracht werden
müssen.
Innovationen hängen nicht nur von Strukturen ab, sondern auch von
Persönlichkeitsmerkmalen wie Innovationsbereitschaft, Flexibilität, Kritikfähigkeit
und emotionaler Stabilität.